Hilfsangebote für minderjährige Geflüchtete vor dem Aus – zahlreiche pädagogische Fachkräfte gekündigt

Protest vor dem Sozialdezernat am 10.05.2016 um 15 Uhr

Als im Herbst letzten Jahres viele Jugendliche nach ihrer Flucht hier ankamen, war die Stadt Frankfurt zunächst mit der Unterbringung und ihrer Betreuung überfordert. Sowohl für die Jugendlichen, als auch für diejenigen, die sich in dieser Arbeit engagierten, waren die Bedingungen häufig extrem schlecht, bedingt durch Massenunterbringungen in Turnhallen und Hostels mit allen daraus resultierenden Folgen, viel zu wenig Fachpersonal usw. Die Stadt Frankfurt bat die sozialen Träger händeringend in ihren Einrichtungen Plätze und Personal aufzustocken.

Trotz dieses enormen Arbeitsdrucks unter schwierigen Bedingungen wurde in vielen Einrichtungen, jenseits der Massenunterkünfte, viel mehr als eine reine Versorgung der Jugendlichen geleistet, nämlich eine pädagogische und psychosoziale Betreuung häufig schwerst traumatisierter junger Menschen.

Durch die Gesetzesverschärfung im November 2015 hat sich die Verweildauer der geflüchteten Jugendlichen, die in Frankfurt ankommen, stark verkürzt. In den in sog. Screeningeinrichtungen ist keine pädagogische Arbeit mehr gefragt, die Jugendlichen werden verwaltet, bis sie in andere Städte/Landkreise verbracht werden und dort häufig in provisorischen Einrichtungen landen, in denen sie nicht bleiben (wollen). Niemand fühlt sich für diese Kinder und Jugendlichen zuständig, während die ehemaligen Bezugspersonen mit on/off-Arbeitsverhältnissen zurechtkommen müssen oder bereits entlassen wurden.

Durch die Abriegelung der Grenzen schaffen es immer weniger Jugendliche nach Deutschland bzw. nach Frankfurt zu kommen. Dies und die kürzere Verweildauer haben nun bei den sozialen Trägern, nach einer Zeit, in der sie viel Geld mit der Betreuung der Jugendlichen verdient haben, dazu geführt, dass viele Betreuungsplätze nicht belegt sind und Fachkraftstellen geschaffen wurden, die nun von der Stadt Frankfurt nicht mehr refinanziert werden.

Das Ergebnis ist, dass in den letzten Wochen immer mehr Einrichtungen geschlossen wurden. Eine Vielzahl von Kolleg*innen sind direkt von Kündigung bedroht oder wurden bereits entlassen. Die befristeten Arbeitsverhältnisse werden nicht mehr verlängert. Die Stadt Frankfurt übernimmt für diese Situation keine Verantwortung. Unbegreiflich ist, dass sich Träger auf so ein Handeln einlassen, ohne vertragliche Sicherheiten zur Refinanzierung zu schaffen.

Was wird passieren, wenn die Festung Europa im nächsten Sommer wieder bröckelt und es flüchtenden Menschen gelingt, nach Frankfurt zu kommen? Werden dann wieder die freien Träger gebeten, über Nacht Einrichtungen zu eröffnen? Werden die Kolleg*innen, die in diesen Tagen entlassen werden, dann gefragt, ob sie jenseits arbeitsvertraglicher Regelungen zu Arbeitszeiten und natürlich befristet, diese Aufgabe für die Stadt übernehmen wollen?

Was von offizieller Seite als Willkommenskultur bezeichnet wird, nennen wir sozialen Ausschluss.

Unser Protest wendet sich sowohl gegen die Zerstörung sozialer Infrastruktur und den damit verbundenen Kündigungen zahlreicher pädagogischer Fachkräfte als auch gegen die unmenschliche Flüchtlingspolitik von EU und Bundesregierung.
Die Jugendlichen, für die jetzt gekündigte pädagogische Fachkräfte eigentlich zuständig sein könnten, hängen nun in der Türkei fest oder ertrinken im Mittelmeer.

Die Stadt Frankfurt und ihre politischen Funktionsträger haben eine politische und soziale Verantwortung gegenüber den betroffenen Kolleg*innen und den Jugendlichen.
Wir fordern die Stadt Frankfurt auf:

  • für die Weiterbeschäftigung aller Kolleg*innen, egal, ob befristet, unbefristet oder in Probezeit, unter angemessenen Bedingungen zu sorgen. Beschäftigungsalternativen sehen wir insbesondere in den dauerhaften Einrichtungen für unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Dort können durch eine bessere Finanzierung, eine Verbesserung des Betreuungsschlüssels und einer damit einhergehenden Erhöhung der pädagogischen Standards neue Stellen geschaffen werden.
  • sich beim Frankfurter Jugendamt und beim Hessischen Landesjugendamt dafür einzusetzen, dass alle Kolleg*innen als pädagogische Fachkräfte träger- übergreifend anerkannt werden oder die Möglichkeit bekommen, sich entsprechend nach zu qualifizieren.
  • Die bestehende Infrastruktur der Einrichtungen zu nutzen für andere notwendige Angebote und Bedarfe. Auch dort könnten die Kolleg*innen weiter beschäftigt werden.

Solidarität statt Spaltung!
Gemeinsam für gute Lebens- und Arbeitsbedingungen für alle!
Für das Recht zu bleiben und für das Recht zu gehen!

Wir rufen Euch zu unserer Protestaktion und Pressekonferenz am Dienstag, 10. Mai 2016 um 15 Uhr vor dem Sozialdezernat Frankfurt in der Berliner Straße 33-35 auf.

Pressespiegel